Kel Suu Kirgistan: Das versteckte Juwel der Naryn Region – Tipps & Erfahrungen

Ein einzigartiger Bergsee mitten im Tian Shan Gebirge

Auf über 3500m Höhe glitzert das Wasser in wundervollen Farben zwischen den Gipfeln des Tian Shan Gebirges. Fernab jeglicher Zivilisation liegt der Kel Suu See in der Naryn Region Kirgistans, nicht weit von der Grenze zu China.
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Der Kel Suu See in Kirgistan: Schwer zu erreichen, doch der Aufwand lohnt sich

Der Kel Suu See gilt als einer der schönsten Bergseen in ganz Kirgistan. Aufgrund seiner Abgeschiedenheit mitten im Tian Shan Hochgebirge ist er ziemlich aufwendig zu erreichen. Erschwerend kommt außerdem noch hinzu, dass man eine spezielle Erlaubnis beantragen muss, um überhaupt in die Naryn Region, Nahe der Grenze zu China, reisen zu dürfen. Auch die Höhe von über 3500m sollte nicht unterschätzt werden und eine gewisse körperliche Fitness ist Vorraussetzung. Doch all diese Strapazen lohnen sich, denn der Ausblick auf den See und die umliegenden Berge ist einmalig. Hier findest du meine persönlichen Erfahrungen und im Anschluss alles was du vor deiner Reise zum Kel Suu wissen musst.

Warum der Kel Suu mein persönliches Highlight in Kirgistan war

Zusammengequetscht holperten wir zu fünft in einem klapprigen Audi 100 aus den 80er Jahren über eine Buckelpiste, die beim besten Willen nicht als Straße bezeichnet werden konnte. Hinter dem Lenkrad unser Fahrer, ein gemütlicher Kirgise, der uns zwar immer wieder freundlich zulächelte, aber kein Wort englisch sprach. Kirgisische Musik trällerte aus den alten Boxen und kämpfte mit dem Klappern der Steine um die Vorherschaft an meinem Trommelfell. Die Heizung lief auf höchster Stufe, der Motor würde ansonsten überhitzen. Fenster aufmachen? Unmöglich! Sofort schlug mir beißender Abgasgeruch aus dem kaputten Auspuff entgegen, als ich es versuchte. Seufzend akzeptierte ich mein Schicksal und warf einen kapitulierenden Blick zum Rest meiner Reisegruppe, während die ersten Schweißperlen meine Strin hinab rannten. Nach etwa zwei Stunden Fahrt erreichten wir eine alte hölzerne Schranke, welche uns die Weiterfahrt verwehrte. Ein kleines Häuschen stand daneben und heraus blickte mit eiserner Miene ein Mann in Militäruniform. Über seinem kantigem Gesicht thronte eine große Militärkappe. Mit einer Geste deutete uns unser Fahrer an auszusteigen und unsere Reisepässe, zusammen mit unserem Permit für die Naryn Region, vorzuzeigen. Ich zückte meinen grünen Ersatzreisepass, den ich mir nur wenige Tage zuvor ausstellen lassen hatte. Nervös überreichte ich dem Beamten meine Papiere und das auf einem Zettel gedruckte Permit. Verwirrt musterte mich der Mann, als er meinen Pass entgegen nahm. Als er dann auch noch das mit Kugelschreiber durchgestrichene „Republik Österreich“ auf meinem Permit las und das in handschrift gekritzelte kirgisische Wort für Deutschland darüber entzifferte, schüttelte er nur den Kopf. Panisch wechselte ich einige Blicke mit Karsten, einem sympatischen Norweger, den ich mittlerweile zu meinen guten Freunden zählen durfte. Auch die beiden Deutschen, mit denen wir unterwegs waren, blickten mich mitfühlend an. „Frag mal unseren Fahrer“, schlug Anna vor und nickte in Richtung unseres Kirgisischen Freundes, der sich gerade laut lachend mit einem Grenzbeamten unterhielt. Nachdem ich ihm mein Handy mit einer Übersetzungsapp unter die Nase gehalten und er das Problem verstanden hatte, lief er mit mir zu dem Häuschen und legte ein gutes Wort für mich ein. Die beiden Männer unterhielten sich für einige Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, bevor sich unser Fahrer zu mir umdrehte, mir mein Permit aus der Hand zog und von dem Beamten abstempeln ließ. Mit einer Handbewegung wies er uns an wieder einzusteigen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Endlich zurück im viel zu warmen Audi.

Nach etwa vier Stunden erreichten wir unser Ziel. Wir kletterten aus dem Gefährt und husteten den letzten Staub aus unserer Lunge. Nachdem wir unseren Abholtag mit unserem Fahrer besprochen hatten, machte dieser Kehrt und holperte den Schotterweg in die Richtung aus der wir gekommen waren zurück. Was für eine Fahrt, dachte ich mir Kopfschüttelnd. Erst jetzt realisierte ich was vor uns lag. Das weite Kok Kiya Tal, vom Herbst in ein kräftiges Orange getaucht, erstreckte sich vor uns. Die einzigartige Weite Kirgistans verschlug mir den Atem. Ein Gefühl von Freiheit durchfuhr meinen Körper, während ich meinen Blick über das von Bergen umgeben Tal schweifen ließ. Die Gipfel waren in Wolken gehüllt und ein sanfter Nebelschleier durchzog die Hochebene. In der Ferne leuchteten kleine weiße Punkte in der orange gefärbten Graslandschaft. Ich kniff die Augen zusammen und erkannte die für Kirgistan typischen, großen weißen Zelte. In der Mitte stieg Rauch auf und verlor sich als feiner Schleier in der Luft über dem Jurtencamp. Spätestens als ich wenig später auf der Ladefläche eines großen Armytrucks saß, welcher geradewegs durch ein weites Flußbett fuhr, wusste ich, dieser Ausblick war all die Mühe Wert.

Die Nacht im Jurtencamp war perfekt. Wir übernachteten in einer eigenen Jurte, bestehend aus einem runden Holzegrüst, das mit Baumwoll- und Filztüchern aus Ziegenhaar eingedeckt war. Dicke Decken auf den harten Betten und ein kleiner Ofen hatten uns gemütlich durch die eiskalte Herbstnacht gebracht. Am Morgen erwartete uns ein Frühstück: Brot, das zuvor in einem kleinen Holzofen gebacken wurde, mit allerlei Marmelade und dazu frisch aufgebrühter Chai. Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zum Kel Suu. Eingepackt in zahlreiche Schichten stiefelten wir los. Der Himmel war bewölkt und trotzdem war die Hochebene wunderschön. Die Wolken verfingen sich in den mächtigen Bergen und immer wieder blitzten Sonnenstrahlen hindurch. Wir liefen querfeldein, kein Wanderweg oder ähnliches, doch die grobe Richtung war selbsterklärend. Immer dem Fluss nach, der sich in mehreren Armen durch die Landschaft zog, bis zum See, der ihn speiste. Nach kurzer Zeit erreichten wir eine kleine, steile Bergkuppe. Ich keuchte, als ich über die Felsen hinauf stieg. Die dünne Luft auf über 3500m Höhe raubte mir den Atem. Eine längere Aklimatisierung hätte nicht geschadet. Als ich schließlich oben ankam, blieb mir auch das letzte bisschen Luft im Hals stecken. Mächtige, schneebedeckte Gipfel ragten in den Himmel empor. Dazwischen schlängelte sich ein türkisblauer Bergsee durch die massiven Felsen. Ich kam aus dem Staunen kaum noch heraus.

Wie kommt man zum Kel Suu See?

Anreise von Bishkek zum Kel Suu See

Um zum Kel Suu zu gelangen muss man zuerst das Kok Kiya Tal erreichen. Dort enden die befahrbahren Wege und man muss zu Fuß oder mit Pferden weiter. Im Kok Kiya Tal gibt es, umgeben von 5000er Bergen, mehrere Jurten Camps, bei denen man übernachten kann. Mehr dazu weiter unten.

Zum Tal führt ein nicht ganz einfach zu befahrender Weg, für den man ein geländegängiges Fahrzeug benötigt. Los geht die Fahrt normalerweise aus Naryn, eine Stadt, die man mit einer Marshrutka (Shared Taxi) bequem in vier bis fünf Stunden von Bishkek aus erreichen kann. Mashrutkas fahren Regelmäßig vom neuen Avtovokzal (Busbahnhof) in Bishkek nach Naryn und kosten etwa 500 KGS (~5€).

Anreise von Naryn zum Kel Suu See

Ist man einmal in Naryn, gibt es drei Möglichkeiten, um ins Kok Kiya Tal zu gelangen:

  • Eine geführte Tour buchen: Die teuerste aber bequemste der drei Möglichkeiten. Oft bieten Unterkünfte oder das CBT-Reisebüro in Bishkek oder Naryn fertige Touren inklusive Übernachtungsmöglichkeit an.
  • Ein eigener geländegängiger Mietwagen: Viele Mietwagenfirmen verbieten die Fahrt zum Kel Suu, da die Straße dorthin ziemlich belastend für die Fahrzeuge ist. Falls man doch selbst fährt, sollte auf jeden Fall ein guter Autofahrer sein um seinen Wagen sicher ins Kok Kiya Tal zu befördern. Außerdem gibt es kaum Handysignal und ein stecken gebliebenes Fahrzeuig kann zu einer ernsthaften Herausforderung werden.
  • Ein privater Fahrer: Ebenfalls über das CBT-Touristenbüro in Naryn kann man sich eine Mitfahrgelegenheit organisieren oder man fragt den Besitzer seiner Unterkunft. Diese haben meist gute Kontakte und können oft günstigere Möglichkeiten empfehlen. Dabei kann es allerdings passieren, dass man auf der Rückbank eines klapprigen Audis bei etwas 30°C landet. Um die Kosten so gering wie möglich zu halten, ist es außerdem Ratsam sich einige Mitreisende zu suchen. Oft wollen in den Unterkünften auch andere zum Kel Suu und es ergeben sich angenehme Reisebekanntschaften.

Auch wenn die Fahrt über die holprige Straße nur langsam voran geht, vergehen die fünf Stunden aufgrund der einzigartigen Landschaft relativ zügig.

Erlaubnis (Permit) für die Naryn Region

Das Kok Kiya Tal und der Kel Suu See liegen in der Grenzregion zu China, weshalb ein vorab beantragtes Permit nötig ist, um diese Region bereisen zu dürfen. Das Permit sollte mindestens eine Woche vor Abreise über die Website des CBT (Community Based Tourism) beantragt werden und kostet für die Naryn Region 25€ und für alle Regionen zusammen 30€. Die bezahlung läuft im Vorraus über PayPal (Ich weiß, nicht sehr vertrauenserweckend, hat aber bei mir und meinen drei Reisebegleitern tadellos funktioniert) und das Permit für die Naryn Region kann dann später im CBT-Touristenbüro in Naryn abgeholt werden. Je nach Permit ist der Abholort gegebenenfalls ein anderer!

Die beste Reisezeit für den Kel Suu See

Die beste Zeit um den Bergsee zu besuchen ist zwischen Juni und September. Je näher man am Winter ist, desto eher kann es passieren, dass der See aufgrund von mangelndem Schmelzwasser nur geringfügig gefüllt oder sogar leer ist. Im Sommer hat man prinzipiell die besten Chancen auf das türkis glitzernde Wasser. So oder so ist es das Risiko aber Wert und selbst ohne Wasser ist die Gegend wunderschön. Der Kel Suu bildet sich durch einen natürlich entstandenen Staudamm, durch den das Wasser langsam durchsickert und einen weit verzweigten Fluss bildet. Ein Besuch während der Wintermonate ist teilweise ebenso möglich, allerdings ist die Straße in die Berge dann noch schwieriger zu befahren. Auch die Übernachtung kann zur Herausforderung werden und die Temperaturen fallen auf bis zu -30°C.

Übernachtungsmöglichkeiten am Kel Suu See und im Kok Kiya Tal

Im Sommer ist wildcampen eine wunderschöne möglichkeit um die Region in all ihrer rauen Schönheit zu erleben. Man sollte gut für kalte Nächte vorbereitet sein und nicht direkt auf einem privaten Grundstück zelten.

Eine authentische Möglichkeit um die Nomadenkultur der Kirgisen ein Stück kennenzulernen ist das Übernachten in einer Jurte. Eine Buchung ist nur bedingt online möglich. Wir haben in Bars Yurt Camp übernachtet und waren mehr als zufrieden. Die Reservierung war vorab über WhatsApp möglich, auch wenn eine Bestätigung etwas dauern kann. Die WhatsApp Nummer findet man auf dem Instagram Kanal von Bars Yurt Camp. Die Nacht in einer Jurte und das kirgisische Frühstück sind eine tolle Erfahrung. Über den Tag hinweg wird man außerdem relativ häufig mit frischem, schwarzem Chai versorgt. Für einige Stunden hatten wir sogar W-Lan, was für meinen Geschmack fast schon ein bisschen zu zivilisiert war. Außerdem hat uns der Besitzer mit einem großen Army Truck direkt von der Stelle abgeholt, an der uns unser Fahrer rausgelassen hatte. Das Camp ist dann noch einige hundert Meter weiter, wunderschön gelgen, im Tal. Eine Nacht mit Frühstück und Abendessen kostet etwa 1500KGS (15€).

Wanderung zum Kel Suu See

Die eigentliche Wanderung zum Kel Suu See ist in etwa 5km lang und dauert 2-3 Stunden. Obwohl die Route einfach ist, empfiehlt es sich eine offline Navigation zu nutzen und den Weg vorab zu speichern. Man kann sich die Route entweder selbst erstellen oder herunterladen und in der App öffnen. Ich verwende hierfür gerne die App Maps.me. Diese bietet einen offline Download an und zeigt viele spannende Punkte auf der Karte, die andere Anbieter gar nicht kennen.

Die Wanderung an sich ist nicht allzu schwer, nur das letzte Stück ist etwas steil. Man sollte aber auf schlechtes Wetter vorbereitet sein. Prinzipiell kann man sich auch gut am Fluss orientieren, da dieser aus dem Kel Suu entspringt. Auf dem Weg kann man oft Yaks beobachten, welche in der wilden Landschaft grasen.

Alternativ bieten viele Jurtencamps auch geführte Reittouren zum See an und man kann den Weg entspannt auf dem Rücken eines Pferdes verbringen. Da in Kirgistan Reithelme allerdings nicht sehr verbreitet sind, ist diese Möglichkeit nicht ganz ungefährlich.

Sicherheit & Gesundheit

Höhenlage

Der Kel Suu liegt auf über 3500m Höhe. Auf derartigen höhen ist die Luft schon spürbar dünner und man sollte sich vorher akklimatisieren. Einige Wanderungen im Vorraus oder eine Nacht in einer etwas tieferen Unterkunft sind zu empfehlen. Besonders da ein Umkehren nicht immer ganz einfach ist. Einen Ausführlichen Artikel zum Thema Höhenkrankheit und richtiger Akklimatisierung findest du in meinem Blog.

Wetterumschwünge

Wie das in alpinen Regionen üblich ist, kann sich auch im Kok Kiya Tal das Wetter schlagartig ändern. Man sollte prinzipiell immer (auch im Sommer) gut auf kalte Temperaturen und Regen vorbereitet sein. Es ist gut möglich alle vier Jahreszeiten an einem Tag zu erleben. Eine ausführliche Packliste für alpine Touren findest du auf meiner Website und eine Rettungsdecke für den Ernstfall gehört sowieso in jeden Wanderrucksack.

Abgeschiedentheit und Navigation

Wer längere Tracking Touren in der Region plant sollte eine gute Versorgung mit Power Banks und ein zuverlässiges Endgerät zum offline navigieren haben. Eine zuverlässige und für den Anfang kostenlose App ist Maps.me.

Essen & Trinken

Die Trinkwasserversorgung ist in einer derartigen Abgeschiedenheit denkbar schwierig. Obwohl meist immer Süßwasser zur Verfügung steht, sollte man dies nie ungefiltert oder ungekocht trinken. Meinen bewährten Wasserfilter findet ihr in meiner Ausrüstungsliste. Alternativ sollte man genug Wasser aus dem Tal mitbringen. In den Jurtencamps kann man ebenso nach abgekochtem Wasser oder einer Tasse Chai fragen. Essen gibt es ebenso in den Jurtencamps oder aus dem eigenen Rucksack. Da kein Bankautomat in der Nähe steht sollte man ausreichend Bargeld mit sich führen.

Fazit

Der Kel Suu und das Kok Kiya Tal sind ein einzigartiges Erlebnis. Wer die Abgeschiedenheit in den Bergen liebt, der fühlt sich hier sofort wohl. Eine gute Vorbereitung ist dennoch Pflicht und sorgt für ein gelungenes Abenteuer.

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Von Nord nach Süd durch Mittelamerika

Ein Buch für Abenteurer und alle die es werden möchten

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