Keuchend hustete ich den letzten Staub der Großstadt aus meiner Lunge und kletterte schweißgebadet aus dem viel zu engen Auto. Wir holten unser Gepäck aus dem Kofferaum und verabschiedeten uns mit einer freundlichen Geste von unserem Fahrer. Ich schaute dem alten rostigen Audi hinterher, während er umkehrte und den Schotterweg in die Richtung aus der wir gekommen waren zurück holperte. Kühler Wind strich meine Wange als ich mich umdrehte und endlich Begriff, was vor mir lag. Die einzigartige Weite Kirgistans verschlug mir den Atem. Ein Gefühl von Freiheit durchfuhr meinen Körper, während ich meinen Blick über das von Bergen umgeben Tal schweifen ließ. Die Gipfel waren in Wolken gehüllt und ein sanfter Nebelschleier durchzog die Hochebene. In der Ferne leuchteten kleine weiße Punkte in der vom Herbst orange gefärbten Graslandschaft. Ich kniff die Augen zusammen und erkannte die für Kirgistan typischen großen weißen Zelte. In der Mitte stieg Rauch auf und verlor sich in der Luft über dem Jurtencamp.
Warum sollte man nach Kirgistan reisen?
Kirgistan, Kirgisistan oder auch Kirgisische Republik ist ein Traumland für Backpacker, Outdoor-Fans und Kulturliebhaber. Obwohl vermutlich fast jedes Land eine Reise wert ist, gibt es einige Gründe die Kirgistan besonders spannend machen:
- Obwohl der Tourismus im Land noch weitgehend in den Kinderschuhen steckt, ist es relativ einfach und günstig Kirgistand zu bereisen
- Dünn besiedelte und gebirgige Landschaft mit über 7000m hohen Bergen
- Die faszinierende Kultur der Reiternomaden hautnah erleben
- Fairer und umweltfreundlicher Tourismus, von dem dank der „Community-Based Tourism“ (CBT) Initiative auch die Einheimischen profitieren
- Einreise für deutsche Staatsbürger ohne Visum für bis zu 30 Tage
- Im Vergleich zu einigen Nachbarländern ist das Land ziemlich sicher
Steckbrief Kirgistan
Kirgistan ist ein von Gebirgen durchzogener Binnenstaat, dessen Territorium zu 90% oberhalb von 1500m liegt. Etwa 30% der Landfläche sind permanent von Gletschern und Schnee bedeckt.1
- Hauptstadt: Bishkek
- Währung: Som (1€ ~ 100KGS)
- Sprachen: Kirgisisch, Russisch
- Bewohner: 6,5 Millionen Menschen auf fast 200.000 km²
- Beste Reisezeit: Mai bis September
- Reisedauer: 1-3 Wochen
- Flugzeit aus Deutschland: 10 Stunden
- Budget pro Woche: 100-200€ pro Woche (ohne Flug)

Transport und Reisen
Die Straßen sind oft etwas spärlich ausgebaut, wobei die Hauptstraßen in meist gutem Zustand sind. Die wichtigsten Ortschaften werden von Minibussen („Marshrutka“) und Sammeltaxis angefahren. Diese fahren jeweils von einem in jeder Stadt und jedem Dorf vorhandenen Busbahnhof („Avtovoksal“) ab, sobald genügend Fahrgäste an Bord sind. Oft warten auch Privatpersonen an den Busbahnhöfen und bieten eine günstige Mitfahrgelegenheit an. Die Preise sind bei den meisten Fahrten verhandelbar, wobei man sich gut an dem Preis orientieren kann, den umstehende Einheimische bereit sind zu zahlen. Im Zweifel einfach nachfragen, wobei man beim Verhandeln ein Gleichgewicht zwischen, ich lasse mich nicht komplett übers Ohr hauen und ich gönne dem vermutlich schlechter als ich verdienenden Taxifahrer etwas, finden muss. So oder so sind die Preise für den Transport extrem gering und nicht mit den in Europa herschenden Kosten vergleichbar. Eine mehrstündige Fahrt kostet oft nur umgerechnet 3-6€. Der Preis sollte in jedem Fall immer vor der Fahrt abgemacht werden.

Je weiter man sich von den Städten entfernt, desto schwieriger wird es öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Wenn man die wirklich abgelegenen, oft aber umso beeindruckenderern Gegenden sehen will, muss man meist ein Privattaxt engagieren. Am einfachsten geht dies, indem man den Host der Unterkunft fragt, in der man übernachtet hat. Diese haben oft Kontakte oder auch Freunde, die für einige Euros an die abgelegensten Orte fahren. Wenn man bereit ist, etwas mehr zu zahlen, findet man auch in den CBT-Touristenbüros Transportmöglichkeiten.
Auch per Anhalter fahren ist in Kirgistan vergleichsweise einfach. Man unterscheidet hier zwischen zwei Handzeichen.
- Ich möchte mitfahren und bin bereit etwas dafür zu bezahlen: Arm etwas vom Körper weg ausgestreckt, Handfläche zeigt nach unten und mehrfach auf und ab wippen. Dies ist in Kirgistan weit verbreitet, weil zahlreiche Autos als inoffizielle Sammeltaxis fungieren.
- Ich möchte mitfahren, ohne etwas dafür zu bezahlen: Das internationale Hitchhiking Zeichen: Daumen raus und den Arm seitlich oder leicht nach vorne gestreckt.
Egal welches Zeichen man verwendet, man wird relativ schnell mitgenommen und selbst wenn man die Bereitschaft Signalisiert hat, etwas zu bezahlen, wird das Geld teilweise dankend abgelehnt.
Auf dem Land, insbesondere in den Bergen, nutzen viele Einheimische noch immer das Pferd als Fortbewegungsmittel. Die Kirgisen gelten als hervorragende Reiter und auch als Besucher kann man mehrstündige oder auch mehrtägige Reittouren buchen.
Unterkünfte in Kirgistan
Es gibt zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten für unterschiedliches Budget. In größeren Städten gibt es moderne Hostels und Hotels. In kleineren Dörfern findet man auf Plattformen wie booking.com oft sehr günstige Guest-Houses, welche für etwa 8-12€ eine gemütliche Übernachtung mit Frühstück anbieten. Die Guest-Houses werden oft von Priatpersonen betrieben und sind ein abgegrenzter Teil des Wohnhauses. Man wird hier meist freundlich empfangen und fühlt sich schnell wie Zuhause.
Wer in Kirgistan unterwegs ist sollte sich auch das Übernachten in einer Jurte, dem traditionellem Zelt der Nomaden, nicht nehmen lassen.

Jurtencamps stehen oft an wunderschönen und abgelgenen Orten und lassen sich teilweise über das Internet buchen. Auch die Guest-House Hosts haben oft gute Kontakte zu den Betreibern von Jurtencamps und wissen auch, wie man diese am besten erreicht. Im Zweifel hilft auch der Gang zum CBT-Touristenbüro in Bishkek oder Kochkor.
Kosten in Kirgistan
Die Kosten für Backpacking in Kirgistan sind natürlich stark vom eigenen Reisestil abhängig. Wenn man viel per Anhalter oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, keine geführten Touren bucht und nicht in teuren Hotels übernachtet, kann man mit 15-20€ pro Tag auskommen. Wenn man allerdings einen Fahrer für entlegenere Orte braucht oder Touren über den falschen Anbieter bucht, kann man auch schnell deutlich mehr bezahlen. Um Kosten zu sparen und die Kultur des Landes besser kennenzulernen, lohnt es sich viel mit den Einheimischen zu sprechen. Dort zu Essen wo auch die Kirgisen essen und Fahrer über private Beziehungen zu buchen spart viel Geld.
Bezahlt wird in Kirgistan, abgesehen von großen Supermärkten, meist mit Bargeld. Geldautomaten stehen eigentlich zuverlässig in allen größeren Orten zur Verfügung und es kann mit einer (Debit-)Kreditkarte ohne Probleme abgehoben werden. Es ist ratsam das Budget für einige Tage in Bar mitzuführen, besonders wenn man in abgelegeneren Orten unterwegs ist.
Internet, Sim-Karte und nützliche Apps
Der günstigste Weg zu Internet auf deinem Smartphone, ist der Kauf einer SIM-Karte vor Ort. Drei Anbieter dominieren den Markt: O!, Beeline und Megacom. Ich habe mit O! gute Erfarungen gemacht und mir für etwa 15€ 30 Tage lang unbegrenztes Datenvolumen direkt am Flughafen besorgt. Alternativ kann man auch online eine eSIM für Kirgistan kaufen, zahlt hierfür aber meist ein paar Euro mehr. In den Städten und Dörfern besteht eine zuverlässige Internetverbindung. Je weiter man allerdings in die Berge geht, desto unwahrscheinlicher ist Empfang und man sollte Möglichkeiten zur offline Navigation mit sich führen.
Besitzt man kein GPS Gerät, kann auch das Smartphone gute Dienste leisten. Eine gute und zuverlässige App um ohne Internetverbindung zu navigieren ist maps.me. In der Kostenlosen Version kannst du bereits einige Länder herunterladen und hast Zugriff auf eine deutlich höhere Detailtiefe für Trekking und Outdoor als mit Google Maps.
Eine App, die ich jedem Reisenden in Kirgistan ans Herz legen möchte ist Yandex. Darüber kann man ähnlich wie bei Uber günstig Taxis buchen, die Öffentlichen Verkehrsmittel einsehen und sogar Essen bestellen. Richtet euch die App am besten schon Zuhause in Deutschland ein, da ihr eure Telefonnummer per SMS bestätigen müsst.
Da Englisch in Kirgistan nur sehr selten beherrscht wird, ist eine offline Übersetzer-App wie zum Beispiel Google Translate empfehlenswert. Die offiziellen Amtssprachen sind Russisch und Kirgisisch.
Sicherheit und Gesundheit in Kirgistan
Kirgistan gilt insgesamt als relativ sicheres Reiseland, besonders für Outdoor‑Reisende. Die meisten Risiken sind praktischer Natur: Wetter, Straßen, Höhenlage, weniger die Kriminalität. Trotzdem sollte man auf sein Bauchgefühl hören und immer mit gesundem Menschenverstand reisen.
Besonders in Grenzregionen kommen immer wieder Polizeikontrollen vor und man sollte seinen Reisepass zur hand haben. Für einige Regionen benötigt man auch ein spezielles Permit, welches man online bestellen und im CBT-Office abholen kann. Auch wenn dies etwas Mehraufwand bedeutet, kann ich euch vor allem die Naryn-Region mit den mächtigen Gipfeln des Tian Shan Gebirges an der Grenze zu China empfehlen. Einen ausführlichen Artikel zu der Region, wie man das Permit beantragt und besonders zum wunderschönen Kel-Suu Bergsee findest du hier.
Wetterumschwünge sind wie in allen alpinen Regionen unvorhersehbar und extrem. Schnee ist auch im Sommer möglich, besonders auf über 3000m. Eine warme Jacke und Rettungsdecke für den Ernstfall sollte man also immer im Gepäck haben.
Da sich einige Teile von Kirgistan jenseits der 2500m Höhe befinden, spielt auch das Thema Höhenkrankheit eine große Rolle. Besonders bei Touren über 3000m sollte man sich vorher akklimatisieren und mit dem Thema Höhe beschäftigen. Bei Anzeichen von Höhenkrankheit sollte ein zügiger Abstieg in Betracht gezogen werden. Einen ausführlichen Artikel zum Thema Höhenkrankheit und Aklimatisierung findest du in meinem Blog. Unterschätze das Thema nicht und informiere dich vor deiner Reise.
Tollwut kommt in Krigistan vor, weshalb eine Impfung vorab in Betracht gezogen werden sollte. Bei Begegenungen mit Hunden sollte man stets etwas vorsichtig sein.
Trinkwasser sollte nicht aus der Leitung entnommen werden, die allgemeine Lebensmittelhygiene gilt aber als gut.
Solltest du dich auf das Abenteuer einer Reittour einlassen, ist es ratsam einen Helm zu tragen. Da das Tragen eines Reithelms in Kirgistan nicht wirklich verbreitet ist, solltest du dir überlegen einen eigenen Helm mitzubringen. Ein einfacher Fahrrad- oder Kletterhelm schützt deinen Kopf besser als die reine Hoffnung nicht zu stürzen. Auch hier hilft bei der Entscheidungsfindung der gesunde Menschenverstand.
Highlights in Kirgistan & mögliche Reiseroute
Kirgistand bietet zahlreiche schöne Regionen und man kann ohne Probleme drei bis vier Wochen mit Erkundungstouren füllen. Die besten Highlights kann man aber auch schon mit deutlich weniger Zeit entdecken. So reichen auch 7-10 Tage für ein unvergessliches Erlebnis. Die Städte in Kirgistan haben mich persönlich eher weniger begeistert und ich habe mich relativ schnell in kleinere Städte oder die Natur zurückgezogen. Bishkek bietet zwar kulturell einige Besonderheiten, wie den Ala-Too Platz, das State History Museum, den Osh Bazar und zahlreiche Restaurants, ist ansonsten aber relativ hektisch und aufgrund der Überfüllung mit PKWs voller Abgase.
Highlight Nr. 1: Der Kel Suu See in der Naryn Region

Ein wunderschöner Bergsee auf über 3500m Höhe, umgeben von wunderschönen, zerklüfteten Bergen und weiten Hochebenen. Er liegt in der Naryn Region, unweit der Grenze zu China, weshalb man eine spezielle Erlaubnis benötigt um dort hinreisen zu dürfen. Aufgrund seiner Abgelegenheit benötigt man außerdem einen zuverlässigen Fahrer, vorzugsweise mit Geländewagen. Ist man ersteinmal dort angekommen, bietet sich eine Übernachtung in einem Jurtencamp an, welche man aber zuvor reservieren sollte. Am einfachsten ist es den Trip über das CBT-Office zu organisieren. Da die Organisation etwas aufwändiger ist, sich aber trotzdem lohnt habe ich einen eigenen Artikel über die Naryn Region und den Kel Suu See verfasst.
Highlight Nr. 2: Der Ala-Artscha-Nationalpark unweit von Bishkek

Nicht weit von Bishkek, der Stadt in der ihr mit großer Wahrscheinlichkeit in Kirgistan ankommen werdet, liegt der Ala-Artscha-Nationalpark. Dieser ist bequem mit der Buslinie 1 zu erreichen und bietet einzigartige Wandertouren und Übernachtungsmöglichkeiten. Aufgrund der Nähe zu Bishkek geht es hier deutlich touristischer zu als in vielen anderen Regionen. Wenn ihr euch für eine Wanderung auf einen Gipfel entscheidet, verläuft sich das ganze aber recht gut. Eine Übernachtung mit dem Zelt wird hier toleriert, man sollte aus Respekt vor der Natur aber darauf achten, keinerlei Spuren zu hinterlassen. Weiterhin besteht im Ala-Artscha die Möglichkeit relativ einfache 4000er zu besteigen, dies sollte man allerdings nicht ohne alpines Vorwissen und Höhenakklimatisierung angehen.
Highlight Nr. 3: Die Gegend rund um Karakol
Östlich vom größten See in Kirgistan, dem Yssyk-Köl, liegt Karakol. Eine Stadt voller bunter Holzhäuser und Kühen auf der Straße. Die Stadt an sich ist schon eine Reise wert und in der Gegend um Karakol finden sich zahlreiche wunderschöne Naturerlebnisse. Entlang des Karakol Flusses liegen mehrere Jurtencamps in den Ausläufern des Tian-Shan-Gebirges und zahlreiche Wanderungen locken jeden Outdoorliebhaber. Auch zum Baden einladende heiße Quellen finden sich in der Gegend rund um Karakol.
Eine mögliche Reiseroute
Eine Reiseroute für etwa zwei Wochen wäre eine Nord nach Süd Reise durch Kyrgistan mit zahlreichen Highlights.
- Bishkek: Ankunft und Übernachtung in Bishkek
- Ala-Artscha-Nationalpark: Mit dem Bus zum Ala-Artscha-Nationalpark und Übernachtung im Alplager oder im Zelt.
- Kochkor: Zurück nach Bishkek und mit dem Minibus weiter nach Kochkor.
- Kyol-Ukyok-See: Trekking mit Übernachtungsmöglichkeit im Jurtencamp am Kyol-Ukyok See und Wanderung oder Reittour zum höher gelegenen Kyol-Tor-See.
- Naryn: Mit dem Minibus oder dem Shared-Taxi nach Naryn. Abholung des Permits für die Naryn Region.
- Kel-Suu-See: Mit einem Privaten Fahrer zum Jurtencamp nahe des Kel-Suu-Sees. Anschließende Übernachtung mit Wanderung zum See am nächsten Tag.
- Rückkehr nach Bishkek
Quellen
- Havenith H-B, Umaraliev R, Schlögel R, Torgoev I: Past and Potential Future Socioeconomic Impacts of Environmental Hazards in Kyrgyzstan. Kyrgyzstan: Political, Economic and Social Issues 63–113, 2017
